Gestohlene Geschwindigkeit: Der größte Spionageskandal der Motorsportgeschichte

Ernst Degner führt 1961 die Motorrad-Weltmeisterschaft in der Klasse bis 125ccm mit seiner MZ an. Der Große Preis von Schweden soll die Entscheidung bringen, doch dann kehrt Degner nicht in die DDR zurück. Er setzt sich nur wenige Wochen nach dem Bau der Berliner Mauer in den Westen ab.

Um die Flucht des zuvor im Arbeiter- und Bauernstaat gefeierten Grand-Prix-Stars ranken sich bis heute Mythen. Degner flüchtete bekanntlich nicht nur in seine eigene Freiheit, er nahm auch die vom sozialistischen Rennkollektiv um Zweitaktpapst Walter Kaaden mühsam entwickelte Zweitakt-Renntechnik mit und verkaufte sie an den damals aufstrebenden japanischen Motorradhersteller Suzuki. Ob er damit zum Verräter geworden war oder einfach nur das tat, was andere an seiner Stelle auch getan hätten, darüber ist man hierzulande noch heute oft geteilter Meinung. Ist er seinem Rennkollektiv in den Rücken gefallen oder hat er dem strengen DDR-Regime die kalte Schulter gezeigt?

Viel wurde seitdem über den Skandal spekuliert und geschrieben. Mat Oxley hat sich der Fragen angenommen und ist auf Spurensuche gegangen. Für sein Buch „Stealing Speed“ sprach er mit zahlreichen Zeitzeugen, von den Familien Kaaden und Degner sowie ehemaligen MZ-Mitarbeitern über die Rennfahrerkollegen Luigi Taveri und Frank Perris bis hin zu ehemaligen Grand-Prix-Reportern wie Mick Woollett. Herausgekommen ist ein Buch, welches die Geschichte aus einer unabhängigen Sicht schildert und dabei weder tiefere Kenntnisse über die deutsch-deutsche Geschichte, noch über die Zweitakt-Renntechnik voraussetzt, gleichzeitig aber auch für Insider eine detailreiche und spannend zu lesende Story bietet.

Walter Kaaden beim Sachsenringrennen 1951

Ein Motorsportfreund aus Australien, der einst bei DKW in die Lehre ging und später nach Down Under auswanderte, fragte uns vor über einem Jahr, warum dieses wichtige Buch eigentlich nicht auf Deutsch zu lesen ist. Nach der eigenen Lektüre des Originals stand schnell fest, dass „Stealing Speed“ eine gute Übersetzung verdient.

Ernst Degner kehrte nach einem Renneinsatz im Ausland nicht in die DDR zurück, seine Frau Gerda flüchtete mit den Kindern über die deutsch-deutsche Grenze.

Dank der Unterstützung u.a. durch Mat Oxley und Jens Kuhbandner vom Notschriften-Verlag konnte die Idee in Rekordzeit umgesetzt werden. „Gestohlene Geschwindigkeit“ schildert den Aufstieg des IFA-Rennkollektivs um Walter Kaaden zum Anwärter auf die Weltmeisterschaft und Degners Entwicklung vom Nachwuchsrennfahrer zum Republikflüchtling. Dabei nimmt Oxley den Leser mit auf eine Zeitreise zurück in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts, ausgehend von den Grausamkeiten des Zweiten Weltkrieges und der anschließend aufkeimenden Hoffnung auf sozialistischen Fortschritt beziehungsweise westliche Freiheit im geteilten Europa. Abenteuerliche Anekdoten aus der Welt des Motorradrennsports der 1950er und 1960er Jahre sowie über die politischen Spannungen im Kalten Krieg zwischen Ost und West erläutern die Rahmenbedingungen, unter denen sich Degner zu seiner Flucht entschloss.

Während es mit der DDR in den Folgejahren wirtschaftlich bergab ging, machte die Pionierarbeit des Zschopauer Rennkollektivs die Suzuki Motor Company zu einem weltweit erfolgreichen Motorradhersteller. Ab Mitte der 1970er Jahre bis nach der Jahrtausendwende waren Zweitaktmotorräder, welche die technologischen Errungenschaften aus dem Erzgebirge im Herzen trugen, das Maß der Dinge im Motorrad-Grand-Prix-Sport.

„Gestohlene Geschwindigkeit“ ist nicht nur ein wichtiges Stück Motorsportgeschichte, sondern auch ein typisches Stück Zeitgeschichte über Politik, Wirtschaft und die ewige Verlockung des Geldes.

Andy Jordan

Andy Jordan

andyjordan@motorrennsportarchiv.de

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