Tourenwagen-WM: Oschersleben bleibt BMW-Land

Andy Priaulx führt das Feld durch die Motorsport-Arena Oschersleben

Als einer der wenigen Austragungsorte ist Oschersleben seit dem Neubeginn der Tourenwagen-WM fester Bestandteil im Saisonkalender. Die Läufe 15 und 16 der WTCC 2010 in der Motorsport-Arena vor 44.000 Zuschauern waren einmal mehr ein voller Erfolg.

An der Tabellenspitze reisten Yvan Muller (199/Chevrolet), Gabriele Tarquini (194/Seat) und Andy Priaulx (183/BMW) dicht beieinander an. Jede Marke hatte damit noch ein heißes Eisen im Feuer. BMW ist unter Zugzwang und musste in Oschersleben dringend Punkte gutmachen. Der Bördekurs ist traditionell ein gutes Pflaster für die Bayern, gewann man hier doch seit der WTCC-Premierensaison 2005 ganze zehn Rennen. Seat war seither nur zwei Mal erfolgreich, Chevrolet blieb bisher auf deutschem Boden sogar völlig erfolglos.

FIA WTCC

Alain Menu holte den ersten WM-Sieg für Chevrolet auf deutschem Boden

Das Qualifying am Samstag war vom wechselhaften Wetter in der Magdeburger Börde geprägt. Im zweiten Teil der Qualifikation für die Startaufstellung schlug der amtierende Weltmeister Gabriele Tarquini mit seinem Seat stark in die Streckenbegrenzung ein. Die Chevrolet-Piloten Rob Huff und Alain Menu räumten sich gegenseitig ab. Nachdem sich Tiago Monteiro bei einsetzendem Regen in der Schikane auch noch das rechte Vorderrad abmontierte, wurde das Training mit der roten Flagge abgebrochen. Zwar gab die Rennleitung die Qualifikationssitzung noch einmal frei, an Zeitenverbesserungen auf der nassen Strecke war allerdings nicht zu denken. So blieb es bei der Pole-Position für den BMW-Werkspiloten Augusto Farfus, der Rob Huff und Teamkollege Andy Priaulx hinter sich ließ. Überraschend schnellster Diesel-Seat war der Ungar Norbert Michelisz auf Startplatz fünf.

Start zum ersten Lauf – Farfus (vorn) wird von Huff (Mitte) angeschoben, Menu gewinnt

Der fliegende Start zum ersten Lauf sollte noch für hitzige Debatten sorgen. Farfus, von Pole-Postition gestartet, wurde von Rob Huff in der ersten Ecke angeschoben und fiel auf den vierten Rang zurück. Huffs Teamkollege Menu und Tom Coronel schlüpften mit durch. Währenddessen musste der Meisterschaftszweite Gabriele Tarquini seinen Seat nach einer Kollision schon in der ersten Runde abstellen. Auch Andy Priaulx war darin verwickelt, er fand sich nach dem Start auf der achten Position wieder.
Ein paar Runden später folgte die Entscheidung der Rennleitung. Der Führende Rob Huff bekam für sein Manöver eine Drive-Through-Strafe aufgebrummt. Der Brite weigerte sich jedoch diese anzutreten und fuhr einfach weiter an der Spitze des Feldes. Nach der neunten Runde folgte logischerweise die Disqualifikation mit der schwarzen Flagge. Ratlosigkeit bei der Mannschaft am Kommandostand von Chevrolet, die ihren Schützling unmittelbar an die Box beorderte.

Kristian Poulsen nutzte seinen leichten BMW für einen Doppelsieg in der Privatfahrerwertung

Teamkollege Alain Menu erbte die Führung. In der Schlussphase kam der Schweizer noch einmal ordentlich unter Druck. Augusto Farfus nutzte die Vorteile des heckgetriebenen BMW und schloss zum Spitzenreiter auf. Der erfahrene Menu ließ sich dadurch nicht beirren. Er fuhr den ersten Chevrolet-Sieg in Oschersleben mit all seiner Routine sicher ins Ziel und gewann schließlich mit nur einer halben Sekunde Vorsprung. „Ich musste in den letzten Runden sehr vorsichtig fahren, um meine Reifen zu schonen“ so Menu nach dem Rennen.
Yvan Muller auf Platz drei war der Bestplatzierte aus dem Spitzentrio der Meisterschaftstabelle, Andy Priaulx kam nach seinem missratenen Start als Sechster ins Ziel und sicherte sich damit die bessere Ausgangsposition für den zweiten Lauf.
Sieger der Privatfahrerwertung wurde der dänische BMW-Fahrer Kristian Poulsen, der damit den Führenden der Independents-Trophy Sergio Hernandez hinter sich ließ und als Neunter im Gesamtklassement um ein Haar im zweiten Lauf auf der Pole-Postion gestanden hätte. Dritter in dieser Wertung wurde der einzig verbliebene deutsche Fahrer in der Tourenwagen-Weltmeisterschaft Franz Engstler.

Weiterhin an der Spitze der Gesamtwertung: Yvan Muller

Im zweiten Lauf mit stehendem Start nutzte Andy Priaulx den Vorteil seines heckgetriebenen BMW und beschleunigte beide Seat Leon TDI von Michelisz und Nykjaer in der ersten Startreihe aus. Und nicht nur das, der dreifache Weltmeister legte auch gleich anderthalb Sekunden zwischen sich und das TDI-Trio, bestehend aus Michelisz, Nykjaer und Monteiro. Der zweifache Tourenwagen-Europacup-Sieger Michel Nykjaer musste sich in der Folge rüden Manövern von Markenkollege Monteiro und Augusto Farfus erwehren. Der Portugiese Monteiro räumte zu allem Überfluss auch noch Michelisz aus dem Weg und bekam völlig zu Recht eine Drive-Through-Strafe. Somit hatte sich das ibererische Trio selbst eliminiert und der Weg für einen BMW-Doppelsieg war frei. Priaulx nun komfortabel fünf Sekunden vor Farfus und dann folgte auch schon Yvan Muller. So sollte es auf den Podiumsplatzierungen bis zum Zieleinlauf bleiben. Aus Meisterschaftssicht hätte sich BMW wohl mehr Fahrzeuge zwischen WM-Hoffnung Priaulx und Chevrolet-Ass Muller gewünscht, mit der souveränen Vorstellung und einem Doppelsieg der beiden Werksfahrzeuge dürfte man dennoch äußerst zufrieden sein. Gabriele Tarquini wurde Neunter und verlor damit nicht nur wichtige Meisterschaftspunkte, sondern vor allem den zweiten Platz in der Meisterschaft an Priaulx.

Michelisz vor Monteiro – Bei Seat kegelte man sich gegenseitig ins Aus

In der Independents-Trophy gewann einmal mehr Kristian Poulsen, der im Gesamtklassement auf einem sensationellen sechsten Platz ins Ziel kam. Dazu muss aber bemerkt werden, dass der BMW des Dänen aufgrund des komplizierten Gewichtsreglements 45kg leichter als der seiner Markenkollegen ist. Ein Vorteil der das Rennergebnis nicht unerheblich beeinflusst haben dürfte. Nach seinem Doppelsieg wird Poulsen in den nächsten Rennen wieder Erfolgsbalast zuladen müssen.

Franz Engstler erlebte ein durchwachsenes Wochenende bei seinem Heimrennen

Am späten Sonntagabend verhängte die Rennleitung noch Strafen gegen zwölf Fahrer wegen zu hoher Geschwindigkeit beim Indianapolis-Start zum ersten Rennen. Die Zeitstrafen hatten jedoch kaum Auswirkungen auf die vorderen Punkteränge.
Bei noch drei ausstehenden Rennwochenenden, die in Valencia, Okajama und Macau stattfinden, sieht es an der Tabellenspitze nun wie folgt aus: Es führt Yvan Muller (229) vor Andy Priaulx (218) und Gabriele Tarquini (196). Der erste WM-Titel für Chevrolet und der zweite für Yvan Muller (nach 2008) ist zum Greifen nahe, aber bis zum Saisonfinale durch die Straßen von Macau – und vor allem dort – ist noch alles möglich.

Formel 2

Dean Stoneman gewann beide Formel-2-Rennen in Oschersleben

Im Rahmenprogramm rannten unter anderem auch die Nachwuchsfahrer der Formel 2. Überlegener Sieger der beiden Rennen, egal ob im Regen am Samstag oder bei Sonnenschein am Sonntag war der Brite Dean Stoneman, der mit Landsmann Joylon Palmer um die Meisterschaft kämpft. Mit seinem Doppelsieg in Oschersleben hat Stoneman seinem Kontrahenten Palmer, Sohn von Ex-Formel-1-Fahrer und F2-Organisator Jonathan Palmer, entscheidende Punkte abgenommen und für die letzten Rennen der Saison alle Trümpfe in der Hand.
Einzige deutsche Vertreter im Starterfeld waren Julian und Johannes Theobald. Die ehemaligen Schützlinge des Querfurter Teamchefs Rüdiger Seyffarth beendeten ihre Rennen auf Platz 14 und mit einem Einschlag in die Begrenzungsmauer, bzw. auf den Plätzen 16 und 13.

ADAC Procar

Charlie Geipels Neuwagen wurde etwas in Mitleidenschaft gezogen. Hinter ihm Teregulov und Rikli tauschten noch die Positionen

Im Rahmen der Tourenwagen-WM wollen die Fahrer der nationalen Tourenwagen-Serie besonders glänzen. Und so setzte Nachwuchsfahrer Florian Spengler seinen Ensgtler-BMW auf die Pole-Position. Nach dem fliegenden Start zum ersten Lauf übertrieb es Spengler jedoch in der ersten Kurvenkombination und verlor einige Positionen. Seine Teamkollegen Roland Hertner und Johannes Leidinger mussten dagegen ihre Rennen schon in der ersten Runde beenden. Einziger „Überlebender“ aus dem Engstler-Team war Rustem Teregulov in führender Position Charlie Geipel im neuen Toyota Auris und Peter Rikli im weiterentwickelten Honda Civic folgten dichtauf. Jens Weimann im Mercedes C200 machte die bunte Mischung in der Division 1 perfekt. In Runde zehn übernahm der Plauener Charlie Geipel im beinharten Zweikampf mit Teregulov die Führung. Der Sachse blieb vorn und gewann in seinem ersten Rennen der Saison. Auch der Schweizer Peter Rikli fing Teregulov noch ab und fuhr auf Platz zwei.
Im zweiten Lauf hatten die Engstler-Fahrer mehr Glück. Florian Spengler gewann vor Meisterschaftsleader Johannes Leidinger, dessen Führung sich allerdings auf nur einen Punkt vor Spengler verkürzte. Mit dem dritten Platz rundete Charlie Geipel sein tadelloses Debüt im Neufahrzeug, das er eigentlich nur testen wollte, ab.
Das spannende Finale wird am 1.-3. Oktober im Rahmen der ADAC-GT-Masters, ebenfalls in der Motorsport-Arena, ausgetragen.

Mini Challenge
Auch die Mini Challenge war bei ihrer vorletzten Saisonstation in Oschersleben zu Gast. Hier kam Steve Kirsch, der Fahrinstruktor vom Sachsenring, am Samstag als Zwölfter ins Ziel und am Sonntag sah er die schwarz-weiß karierte Flagge als Achter im 25 Fahrer starken Feld. Es gewannen Stefan Landmann und Nico Bastian.

Andy Jordan

Andy Jordan

andyjordan@motorrennsportarchiv.de

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