Jimmie G. – Ein Versuch die rätselhaften Umstände des tödlichen Unfalls von James Guthrie zu erklären

Es war die letzte Runde des letzten Rennens, der 500ccm-Klasse beim Großen Preis von Deutschland 1937. Das Rennen wurde auf der Rennstrecke bei Hohenstein-Ernstthal ausgetragen, die erst später den Namen Sachsenring erhielt. Der sechsfache Isle of Man TT Sieger James Guthrie lag mit über einer Minute Vorsprung souverän in Führung. Für die abschließende Siegerehrung wurde bereits der Union Jack vorbereitet, doch zur Überraschung aller Anwesenden am Start-und-Ziel-Platz tauchte der Norton-Fahrer nicht mehr aus dem Waldstück etwa 500 Meter vor dem Ziel auf.

James Guthrie after winning the Grand Prix of Germany at the Sachsenring in 1935. Next to him is the mysterious figure of J.A. Woodhouse, an Englishman who lived in Germany and worked for the Nazis. He was later wanted by them during WWII and appeared in The Black Book, a secret list of prominent British residents to be arrested.
James Guthrie nach dem Sieg beim Großen Preis von Deutschland auf dem Sachsenring 1935. Neben ihm steht der geheimnisvolle J.A. Woodhouse, ein Engländer der in Deutschland lebte und für die Nazis arbeitete. Später tauchte er im Zweiten Weltkrieg auf der Sonderfahndungsliste G.B. auf, einem Verzeichnis von Personen, die im Falle einer Eroberung Großbritanniens durch die Nazis zu verhaften wären.

Was zwischen der Gaststätte “Heiterer Blick” und dem Anstieg zum Ziel am Queckenberg passierte blieb für acht Jahrzehnte ein Rätsel. Gerüchte um einen technischen Defekt an der Maschine oder einen Zwischenfall mit einem anderen Fahrer machten die Runde und viele hochkarätige Motosportjournalisten, unter ihnen Mick Woolett und Dr. Helmut Krackowitzer, haben in der Vergangenheit über diese Geschichte geschrieben.

Vor fast zwanzig Jahren begann der in Australien geborene Paul W. Guthrie mit der Erforschung seiner eigenen Familiengeschichte in Schottland und stieß dabei auf den berühmten Rennfahrer aus Hawick. Fasziniert von Guthries Lebensgeschichte und verwundert über die rätselhaften Umstände seines Todes begann er den Fall aufzuarbeiten. Das Ergebnis seiner Untersuchungen ist nun in Buchform unter dem Titel Jimmie G. – The extraordinary life and tragic death of a Scottish motorcycle racing champion erschienen.

Bevor ausführlich auf den tödlichen Unfall James Guthries eingegangen wird, bringt das Buch die Rennlegende dem Leser mit ausführlichen Hintergrundinformationen über seine Kindheit, seinen Kriegseinsatz im Ersten Weltkrieg, seine Familie und sein Unternehmen, das er zusammen mit seinem Bruder Archie führte, näher. Der Leser erhält außerdem einen detailreichen Einblick in die britische und deutsche Motorsportszene der 1920er und 1930er Jahre, speziell mit Blick auf die politische Situation in Europa vor dem Zweiten Weltkrieg. All dies ist die Voraussetzung um zu verstehen, was im Anschluss an diesen verhängnisvollen Unfall am 8. August 1937 vor sich ging.

Schließlich entdeckt Guthrie neue Beweise im umfangreichen Archiv der ehemaligen Auto Union. Dokumente, die in den vergangenen 80 Jahren gesichert hinter verschlossenen Türen lagen, konnten endlich vom Autor eingesehen werden.

Paul W. Guthrie, der ebenso Deutsch wie auch seine Muttersprache Englisch spricht, untersuchte alle verfügbaren Primärquellen eingehend, darunter Berichte aus Zeitungen und Fachmagazinen von beiden Seiten, aus Deutschland und Großbritannien, welche unmittelbar nach James Guthries Unfall veröffentlicht wurden. Er weist auf entscheidende Unterschiede in der Berichterstattung hin und prüft die Fakten mit Hilfe der verfügbaren Originaldokumente aus Archiven, darunter die Unterlagen aus dem Krankenhaus in Chemnitz. Schließlich entdeckt Guthrie neue Beweise im umfangreichen Archiv der ehemaligen Auto Union. Dokumente, die in den vergangenen 80 Jahren gesichert hinter verschlossenen Türen lagen, konnten endlich vom Autor eingesehen werden. Mit den vorhandenen neuen Fakten kann Paul W. Guthrie endlich nachvollziehen was wahrscheinlich passierte oder was zum tödlichen Unfall von James Guthrie beigetragen haben könnte.

Für seine Unfallanalyse verwendet Paul W. Guthrie einen wissenschaftlichen Ansatz und die Fakten, die dem Leser präsentiert werden, sind mit zahlreichen Referenzen und Fußnoten versehen. Dieses Buch liefert endlich die detaillierte Unfalluntersuchung, die eigentlich standardmäßig nach dem Unfall 1937 hätte vorgenommen werden sollen, aber nie ausgeführt wurde. Wie der Leser erfahren wird, ist dies nur eine von vielen Unregelmäßigkeiten, welche die Geschichte umgeben und die über die Jahre zu den zahlreichen Spekulationen beitrugen.

Die faszinierende Geschichte von James Guthrie und dem Continental Circus in Europa wird auf eine spannende und aufregende Weise erzählt, begleitet von vielfältigen Fotos und Abbildungen von Dokumenten. Jimmie G. – The extraordinary life and tragic death of a Scottish motorcycle racing champion ist Pflichtlektüre für jeden Motorradsportfreund, der sich für die Verbindung zwischen Sport und Politik interessiert, denn das Buch enthält auch wertvolle Informationen zur Rolle des Motorsports unter der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland.

The Guthrie memorial stone at the Sachsenring in 1952. In the foreground is the birch tree struck by James Guthrie´s Norton motorcycle in the accident. The tree was later removed.
Der Guthrie Stein am Sachsenring 1952. Im Vordergrund ist die Birke zu sehen, die beim Unfall von James Guthries Norton getroffen wurde. Der Baum wurde später gefällt.

Andy Jordan

Andy Jordan

andyjordan@motorrennsportarchiv.de

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