Traumwetter und Traumpublikum beim IDM-Saisonhöhepunkt in Schleiz

29.000 Zuschauer zählte der Veranstalter zur 85. Ausgabe des Schleizer Dreieckrennens. Seit 1923 ist der thüringer Straßenkurs Austragungsort für Motorradrennen, 1924 wurde hier der erste Deutsche Motorrad-Straßenmeister gekürt. Nicht jeder Fahrer kommt mit den Eigenheiten der anspruchsvollen Straßenrennstrecke zurecht und gerade in jüngster Vergangenheit waren die Serienorganisatoren nicht immer von den Improvisationskünsten der Schleizer begeistert. Doch der deutsche Motorradsport ist derzeit in einer schweren Krise und besondere Veranstaltungen, wie die Kombination mit dem Truck-Grand-Prix auf dem Nürburgring vor wenigen Wochen oder eben der Straßenkurs in Schleiz mit seiner großen und begeisterungsfähigen Zuschauerkulisse erhalten den deutschen Zweiradsport gerade am Leben.

Erstmals konnte man das Renngeschehen vom Buchhübel aus per Livestream mitverfolgen.

IDM Superbike

Erstmals in der 96jährigen Geschichte der thüringer Rennstrecke kam ein einheimischer als Führender der Gesamtwertung in der größten Klasse zum Schleizer Dreieck. Der Schleizer Julian Puffe konnte nur eine Woche vor seinem Heimspiel die Führung im Gesamtklassement von seinem BMW-Teamkollegen Ilya Mikhalchik erobern, nachdem der Ukrainer im ersten Lauf mit technischen Defekt ausgefallen war.

Im Zeittraining zeigte Mikhalchik sofort wieder wer der Chef im Ring ist. Der amtierende Deutsche Superbikemeister nahm Julian Puffe auf seiner besten Runde fast eine halbe Sekunde ab. Auf Platz drei folgte Yamaha-Pilot Marc Moser, der auf einer Ersatzmaschine unterwegs war, nachdem er seine MGM-R1 bei einem Sturz am Freitag total zerstörte.

Julian Puffe (19) gegen Ilya Mikhalchik (1), das Duell des Wochenendes

Den besten Start erwischte Julian Puffe vor Jan Bühn, der sich nach seiner Verletzungspause zum Saisonbeginn wieder mit alter Stärke zurückmeldete. Ilya Mikhalchik war sich unterdessen seiner Überlegenheit bewusst. Einen Gegner nach dem anderen schnupfte der Ukrainer auf und schließlich hatte er auch den kleinen Vorsprung gutmachen können, den sich der Schleizer an der Rennspitze herausfahren konnte. Nach einigen Runden am Hinterrad seines Teamkollegen hatte Mikhalchik genug gesehen, ging an Puffe vorbei und fuhr zum Sieg. Julian Puffe blieb einmal mehr nur der zweite Platz, während Jan Bühn sich eindrucksvoll auf dem Siegerpodest zurückmeldete.

Hinter Pepijn Bijsterbosch folgte mit Alessandro Polita auf der Holzhauer-Honda der beste Fahrer, der nicht auf einer BMW unterwegs war. Marc Moser konnte auf der Ersatz-Yamaha nicht an sein gutes Trainingsergebnis anknüpfen und wurde Sechster.

Für den zweiten Lauf brachte veränderte Startreihenfolge ein wenig Würze ins Geschehen. Pepijn Bijsterbosch setzte seine Pole Position gut um, doch Julian Puffe konnte schon in der ersten Runde an die Spitze des Feldes fahren. Ilyja Mikhalchik war da noch auf dem achten Platz zu finden. Wenn es für den Schleizer eine Chance auf den Rennsieg geben sollte, dann war es diese. Doch einmal mehr konnte Puffe nicht die notwendigen Meter zwischen sich und die Konkurrenz bringen. Mikhalchik knöpfte sich einen Konkurrenten nach dem anderen vor und als er nur wenige Runden vor Rennende der BMW von Puffe wie ein Schatten folgte, da war auch dem Letzten auf der Buchhübeltribüne klar, dass dieser Lauf wieder an den Ukrainer gehen wird. Julian Puffe hatte dem amtierenden Meister nicht viel entgegenzusetzen und so blieb ihm wieder einmal nur der Pokal für den zweiten Platz. Ein Sieg im Superbike-Rennen vom Schleizer Julian Puffe, das wäre ein großartiger Höhepunkt für den Renntag auf dem Schleizer Dreieck gewesen. Dass mit Ilya Mikhalchik am Ende der an diesem Tag eindeutig bessere Fahrer gewann, das honorierten auch die wahren Motorsportfans rund um das Dreieck. Zu tausenden standen sie von ihren Plätzen auf und applaudierten Mikhalchik, der sich mit einem Kniefall im Kiesbett auf seine Art bedankte.

Ilya Mikhalchik vor dem Schleizer Publikum, das von den Rennen begeistert war, auch wenn Lokalmatador Julian Puffe der Sieg verwährt blieb.

Pepijn Bijsterbosch querte den Zielstrich sechs Sekunden nach dem Alpha Racing Van Zon BMW-Duo. Ihm folgten Marc Moser und Alessandro Polita auf den Plätzen vier und fünf. Sechster wurde Stefan Kerschbaumer auf der Weber-Kawasaki, der Erwan Nigon ersetzte, der sich gleichzeitig beim 8-Stunden-Rennen in Suzuka zum Langstreckenweltmeister krönte.

Trotz seiner zwei Niederlagen geht Julian Puffe als Führender der IDM Superbike Meisterschaft zum nächsten Lauf nach Most.

IDM Supersport 600 / Superstock 600

Max Enderlein und Tom Toparis sicherten sich die Plätze eins und zwei im Training. Im Rennen mussten sich der Hohenstein-Ernstthaler und der Australier jedoch mit der Konkurrenz auseinandersetzen. Allen voran Luca Grünwald, der erst in Zolder zum Schnock-Kawasaki-Team gestoßen war. Grünwald bei den Grünen, das könnte eine echte Erfolgskombination werden, denn im ersten Lauf konnte sich der Waldkraiburger prompt in seinem zweiten Saisonrennen gegen die versammelte Yamaha-Meute durchsetzen. Martin Vugrinec, Max Enderlein und Marc Buchner querten in dieser Reihenfolge noch in der gleichen Sekunde die Ziellinie. Weber-Kawasaki-Pilot Christoph Beinlich zeigte mit dem fünften Platz bei seinem Heimrennen eine beeindruckende Leistung.

Im zweiten Lauf konnte Max Enderlein Yamaha-Markenkollege Martin Vugrinec mit einem beinharten Manöver in der letzten Kurve noch den Sieg entreißen. Hinter dem Kroaten folgten dichtauf Toparis und Buchner sowie die Rubin-Brüder Dominik und Daniel. Ein heißes Rennen, und das nicht nur wegen der Außentemperaturen. Selbst Sander Kroeze hatte auf dem siebenten Platz nur 1,8 Sekunden Rückstand auf den Sieger! Nachdem Luca Grünwald mit technischen Problemen aus der Spitzengruppe zurückgefallen war, blieb Christoph Beinlich auf dem achten Platz die Ehre des besten Kawasaki-Piloten.

Max Enderlein (1) presst sich an Martin Vugrinec (4) vorbei.

In der Meisterschaft hat Max Enderlein nach einem überaus erfolgreichen Wochenende in Schleiz nun 49 Punkte Vorsprung auf Tom Toparis.

In der Superstockklasse konnte Stefan Ströhlein in Schleiz seinen sechsten und siebenten Saisonsieg einfahren und führt die Meisterschaft ähnlich souverän an.

IDM Supersport 300

Mit den WM-Piloten Jan-Ole Jähnig und Victor Steeman bot das Freudenberg Racing Team in Schleiz starke Gaststarter auf. Die beiden Schützlinge von ex-DDR-Meister Michael Freudenberg sicherten sich auch prompt die Plätze eins und zwei in der Startaufstellung und IDM-Stammpilot Toni Erhard machte auf dem dritten Startplatz die erste Reihe für das Bischofswerdaer Team perfekt. Doch der Schwarzenberger hatte schon fast 1,5 Sekunden Rückstand auf seine Teamkollegen aus der Weltmeisterschaft. Die wollten den ersten Lauf am Samstag unter sich ausmachen, kamen sich aber dabei schon der ersten Runde ins Gehege. So konnte sich der Belgier Angelo Licciardi (Kawasaki) gegen den Tschechen David Kuban (KTM) und den Holländer Rick Dunnik (Yamaha) durchsetzten. Auch Toni Erhard (KTM) hatte als Vierter nicht einmal eine Sekunde Rückstand auf den Sieger, doch blieb für ihn nur die Holzmedaille.

Die Freudenberg-Jungs Jähnig (41), Erhard (1) und Steeman (72) führen das Feld in die erste Runde.

Der Schleizer Micky Winkler wurde im ersten Lauf starker Siebenter. Beim zweiten Rennen am Sonntag stürzte Winkler im Streckenabschnitt Seng und wurde von einem nachfolgenden Fahrer getroffen. Der Oberschenkelbruch des Nachwuchsfahrers musste noch am gleichen Tag operiert werden.

Der Re-Start des Rennens über sieben Runden ging an David Kuban, der das Rennen vor den beiden Gastfahrern Jeffrey Buis (Kawasaki) und Jan-Ole Jähnig (KTM). Die Punkte für den zweiten und dritten Platz gingen somit an die Holländer Colin Velthuizen (Kawasaki) und Ruben Bijman (Yamaha). Troy Beinlich aus Pößneck steuerte seine Kawasaki auf dem sechsten Platz ins Ziel.

In der Meisterschaft ist für Licciardi (107 Punkte), Dunnik (103), Velthuizen (97) und Kuban (91) noch alles drin.

Angelo Licciardi (87) und David Kuban (56) gingen als Sieger aus den Rennen der IDM Supersport 300 hervor.

IDM Seitenwagen

Auch in Schleiz war der „Berlin Express“ nicht zu stoppen, das Team für das in diesem Jahr der mehrfache Weltmeister Tim Reeves auf einer Adolf RS-Yamaha an den Start geht. Mit dem leichten 600er-Gespann ließ der Ausnahmefahrer mit seinem Co Mark Wilkes auch auf der Power-Strecke in Schleiz der Konkurrenz keine Chance. Schon am Samstag konnten Reeves/Wilkes nicht nur das zweitbeste 600er-Gespann mit Bennie Streuer und Kevin Rousseau hinter sich lassen, sondern auch die gesammelte 1000ccm-Konkurrenz. Hier waren es Mike Roscher und Anna Burkard, die Andres Nussbaum und Manuel Hirschi auf den zweiten Platz verwiesen.

Am Sonntag zeigte sich in beiden Klassen das gleiche Bild. Bei den 600er-Gespannen fielen jedoch die Drittplatzierten vom Samstag, Josef Sattler und Uwe Neubert, schon zu Rennhalbzeit aus. So durften sich Markus Schlosser und Marcel Fries über die Pokale für Platz drei freuen.

Im Suzuki GSX-R 1000 Cup siegte Bálint Kovács doppelt, ebenso wie Yamaha-Pilot Tim Holtz im Twin Cup, der bei den nackten Zweizylindern in dieser Saison noch ungeschlagen ist. Bei den Münchener Livestyle-Zweizylindern in Boxerform teilten sich die Teamkollegen Nate Kern und Christof Höfer brüderlich die Laufsiege.

Die IDM geht bereits in zwei Wochen im tschechischen Most, unweit der deutschen Grenze, in die nächste Runde.

Zelten mit Rennstreckenblick
Andy Jordan

Andy Jordan

andyjordan@motorrennsportarchiv.de

Kommentar (1) Schreibe einen Kommentar

  1. Sehr gut geschrieben. Auch mit der Offenheit zum momentanen Zustand im Deutschen Straßenrennspprt.

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