Sekundenbruchteile entscheiden über Tagessieg beim 20. Glasbachrennen

Das zwanzigste Glasbachrennen versprach schon im Vorfeld viel Spannung. Grund dafür war das Fernbleiben von Simone Faggioli, dem siebenfachen Europa-Bergmeister, Sieger des Glasbachrennens 2013 und 2014 und Streckenrekordhalter. Der Norma-Pilot hatte zuvor schon zugunsten der italienischen Meisterschaft auf die EM-Läufe in Polen und der Slowakei verzichtet, nachdem er sich in den übrigen Rennen jeweils die maximale Punkteausbeute sicherte. Das Rennen um den Gesamtsieg bei der Jubiläumsausgabe des Glasbachrennens war damit wieder völlig offen.

Heißeste Kandidaten auf den Sieg waren damit Milos Benes, Gesamtzweiter des Glasbachrennens 2014, und Fausto Bormolini, der zuletzt beim EM-Lauf im polnischen Limanowa vor Benes den Gesamtsieg einfuhr. Ebenfalls berechtigte Hoffnungen auf eine Topplatzierung konnte sich David Hauser aus Luxemburg machen. Der junge Renningenieur hatte in der zweiten Saison mit dem Wolf GB08F1 bisher einige Achtungserfolge einfahren können.

David Hauser

David Hauser

Am Donnertagabend vor dem Glasbachrennen verkündete Hauser jedoch via Facebook überraschend seinen sofortigen Rücktritt als Wolf-Werksfahrer. „[…] Dies wird die Situation nicht ändern, da trotz zahlreicher Anfragen keine Weiterentwicklung stattfand. […] Es ist absolut bedauerlich, weil ich denke, dass das Auto großes Potenzial hat, aber ich fahre nicht gute Ergebnisse ein und mache Werbung für Leute, die dafür nichts tun. […]“, so der Kommentar von David Hauser zur formalen Trennung vom amerikanischen Sportwagenhersteller.

Milos Benes war der Schnellste im Training

Milos Benes war der Schnellste im Training

Nach dem Training führte Osella-Pilot Milos Benes das Feld mit 3,5 Sekunden Vorsprung vor David Hauser an. An dritter Stelle platzierte sich überraschend Patrik Zajelsnik als schnellster Sportwagen-Pilot der Gruppe E2-SC. Fausto Bormolini hatte als Viertplatzierter bereits sieben Sekunden Rückstand auf Benes, doch bekanntlich werden ja am Trainingstag nicht alle Karten auf den Tisch gelegt. Der zweite Trainingslauf am Samstagnachmittag sollte keinen weiteren Einfluss auf diese Reihenfolge haben. Einsetzender Regen sorgte dafür, dass auf der 5,5 Kilometer langen Bergrennstrecke keine Zeitenverbesserungen mehr möglich waren. Viele Fahrer, darunter auch Benes und Bormolini, verzichteten sogar ganz auf die zweite Auffahrt, da für den Rennsonntag ohnehin sonniges Wetter vorausgesagt war.

Nicht alle trauten sich so wie Herbert Pregartner auf das nasse Geläuf.

Nicht alle trauten sich so wie Herbert Pregartner auf das nasse Geläuf.

In der Klasse der Silhouetten-Tourenwagen trafen die in der Europa-Bergmeisterschaft gut platzierten Tschechen Vladimir Vitver (Audi TT-R DTM) und Dan Michl (Lotus Evora Hartley) auf die deutschen Top-Piloten Norbert Brenner (Opel Vectra DTM) und Sebastian Schmitt, der mit seinem verbesserten Opel Astra DTM erstmals in dieser Saison ausrückte.

Die deutliche Trainingsbestzeit legte Norbert Brenner vor. Ganze fünf Sekunden nahm er Dan Michl ab, der sich wiederum nur knapp vor Sebastian Schmitt halten konnte. Auch Vladimir Vitver lag nach dem Training noch in Schlagdistanz und konnte sich gute Chancen auf einen Podestplatz ausrechnen.

Vladimir Vitver

Vladimir Vitver

Nach nur einem Testlauf auf trockenem Geläuf sollten die Wertungsläufe noch einige Überraschungen bereithalten. Zuerst brannte Vladimir Vitver im ex-DTM Audi TT-R eine Fabelzeit von 2:24,026 Minuten auf den Asphalt. Da konnte Norbert Brenner nicht mehr mithalten und verlor 1,5 Sekunden auf den schnellen Tschechen, der seinen Landsmann Dan Michl schon fast fünf Sekunden im ersten Wertungslauf abnahm. Ein deutliches Zeichen dafür, dass Vitver am Samstag nicht das gesamte Potential seines Wagens zeigte.

Bei den Sport- und Rennfahrzeugen konnte Milos Benes die Spitzenposition behaupten. In 2:06,903 Minuten hatte er ebenfalls fast 1,5 Sekunden auf seinen nächsten Verfolger herausfahren können. Der hieß Fausto Bormolini und war seinerseits nur um eine halbe Sekunde schneller als der hervorragend aufgelegte Patrik Zajelsnik. Der Freiburger steigerte seine persönliche Bestzeit auf der Glasbach-Rennstrecke auf 2:08,949 Minuten und hielt sich damit sensationell vor David Hauser, der dem Wolf GB08F1 nur eine 2:12,830 entlocken konnte. Mit seinem Dallara-GP2 konnte der Luxemburger 2013 an gleicher Stelle bereits 2:06er Zeiten fahren. Hausers Frust über die ausbleibende Weiterentwicklung am Wolf-Sportwagen scheint demzufolge nicht unbegründet.

Patrik Zajelsnik forderte die europäische Bergrennelite heraus

Patrik Zajelsnik forderte die europäische Bergrennelite heraus

In der Abendsonne ließen die Zeiten der Spitzenpiloten im zweiten Wertungslauf zwar nach, doch auch ohne neue Bestzeiten war die Spannung am Rennsteig für Fahrer und Fans gleichermaßen zu spüren. Zuerst erreichte Vladimir Vitver ganze drei Sekunden über seiner Zeit aus dem ersten Lauf das Ziel. Norbert Brenner konnte das Niveau seiner Zeiten annähernd halten und machte noch einmal eine Sekunde auf Vitver gut. Dennoch, am Ende trennten ihn 0,616 Sekunden vom Klassensieg. Dan Michl verteidigte den dritten Platz vor dem Österreicher Herbert Pregartner im Porsche 911 GT2 RSR.

Fausto Bormolini

Fausto Bormolini

Nach einer weiteren Rennunterbrechung war es bereits sehr spät geworden. Das schwindende Licht unter den bewaldeten Abschnitten erschwerte die Bedingungen. Fausto Bormolini ließ sich davon allerdings nicht beeindrucken. Der erfahrene Italiener feilte noch einmal über eine halbe Sekunde von seiner Zeit aus dem ersten Lauf ab. Jetzt war Milos Benes am Zug. Der Osella-Pilot konnte sich nicht mehr verbessern, rettete allerdings nach insgesamt 11 Wettbewerbskilometern 0,550 Sekunden Vorsprung über die Linie. Mit dem Sieg beim 20. Glasbachrennen hält Benes nach 2011 (Milan Svoboda) und 2012 (Vaclav Janik) wieder die Flagge der Bergrennsportnation Tschechien im Thüringer Wald hoch.

Jörg Weidinger

Jörg Weidinger

Hinter den Spitzenfahrern der Renn- und Sportwagen sowie der Silhouetten-Tourenwagen zeigte Jörg Weidinger einmal mehr seine besondere Klasse. Der Fahrwerksingenieur aus Happurg steuerte den BMW 318i STW auf einen beachtenswerten neunten Platz im Gesamtklassement und sicherte sich damit nicht nur den Sieg in der 2-Liter-Klasse des KW-Berg-Cups, sondern ließ auch einige Fahrer mit stärkeren Fahrzeugen hinter sich. Der Gesamtführende des KW-Berg-Cups, Roman Sonderbauer, verlor pro Lauf über fünf Sekunden auf Weidinger. Doch für den zweiten Platz in der Klasse und weitere wichtige Meisterschaftszähler waren die Zeiten allemal gut genug.

Jean-Marie Almeras, Berg-Europameister 1978, 1979 und 1980, war erstmals am Glasbach zu Gast. Seinen ikonischen Porsche 935 setzt der inzwischen 71jährige seit den 1980er Jahren in fast unveränderter Form bei Bergrennen in ganz Europa ein.

Jean-Marie Almeras, Berg-Europameister 1978, 1979 und 1980, war erstmals am Glasbach zu Gast. Seinen ikonischen Porsche 935 setzt der inzwischen 71jährige seit den 1980er Jahren in fast unveränderter Form bei Bergrennen in ganz Europa ein.

Das 20.Glasbachrennen hat einen engen Kampf um den Tagessieg gesehen und mit Milos Benes einen würdigen Sieger gefunden. Viel Zeit dies zu genießen bleibt den Verantwortlichen unterdessen nicht. Schon während die Strecke in der Woche nach dem Rennen abgebaut wird, muss der Termin für die 21. Ausgabe im Jahr 2016 bei der FIA angemeldet werden.

 

Andy Jordan

andyjordan@motorrennsportarchiv.de

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